Uns schien von vornherein klar, was von Frau Brösamle zu halten war.
Ihre Nichte, Kathrin Gutbrood, wirkte ungewöhnlich gelassen. Folglich, so nahmen wir an, verschwand ihre Tante nicht zum ersten Mal - sie hatte ihre besten Tage bereits hinter sich, sah dies aber noch nicht ein, bettelte um Aufmerksamkeit und kam ihren Begleitern ständig abhanden. Ein Routinefall in unserem Beruf.
Meine Schwester Tamara und ich veranstalten Führungen durch das Schloß, halten es in Schuß, veranlassen die fälligen Reparaturen, das Nötige eben, beziehungsweise das Notwendigste. Das Geld wird von Jahr zu Jahr knapper, denn der Denkmalschutz ist den öffentlichen Kassen immer weniger wert.
Frau Brösamle jedenfalls hatten wir recht bald wiedergefunden – sie war in der Gesindeküche gefangen, wo die Tür klemmte. Sie behauptete natürlich, jemand anderes habe sie eingesperrt. Wir hätten es ihrer Nichte zwar nicht verdenken können, aber wie Tamara bemerkte, war sie "nicht der Typ dafür, viel zu hilfsbereit". Tamara erkennt das, denn sie ist selber so: hilfsbereit bis zur Selbstaufopferung. Ohne diese Eigenschaft ist man in unserem Beruf wohl fehl am Platze. Wir konnten Frau Brösamle jedenfalls befreien und ich machte mich daran, den Unfallbericht und einen Antrag auf Sonderreparaturbeihilfe zu verfassen.
"Die beiden haben wir nicht zum letzten Mal gesehen", meinte Tamara am Abend zu mir. Sie hatte sich noch etwas mit der Nichte unterhalten, einer "wirklich netten Dame, die", wie sie betonte, "Kultur und Historie zu schätzen wußte". Die Alte hingegen sei nicht zufällig in der Küche gelandet – Köchin sei sie ihr Lebtag gewesen, in einem Luxushotel, mit dem Alter aber sei sie rasch sehr eigen geworden, und nun habe man sie in den Vorruhestand verabschiedet. Sie seien jetzt im Urlaub hier, weil Kathrin sich für Burgen interessierte, aber die Tante sei ihr unerträglich, ständig redete sie von den guten alten oder den schlechten neuen Zeiten, und wenn mal jemand anderes das Wort ergreife, so schnalze sie, zunächst kaum hörbar, doch unaufhörlich und jedes Mal aufdringlicher, mit ihrer Zunge. Als Tamara zu Bett ging, saß ich noch über den Papieren, des Geldes wegen, und natürlich wegen dieser Frau Brösamle.
Tamara sollte Recht behalten. Tags darauf erschien Frau Gutbrood wieder und bat uns, ihre Tante zu suchen. In der Küche sei sie diesmal aber nicht. Es dauerte, bis wir sie fanden. Sie war die Treppe hinabgestürzt, in die unbeleuchtete Krypta, die zudem wegen Baufälligkeit für den Publikumsverkehr gesperrt war, und sie hatte sich wohl sämtliche Knochen, zumindest aber das Genick, gebrochen. Hätten wir nur das Geld für eine Schranke gehabt, aber das Sperrseil war wohl eher ein Stolperdraht für die arme, alte Köchin gewesen.
Ich war noch immer tief betroffen, als die Polizisten sich schon wieder verabschiedet hatten. Frau Gutbrood war bereits vorher gegangen, weinend, aber ob sie wirklich um ihre Tante trauerte, vermag ich nicht zu sagen. Tamara versuchte, mich zu trösten – wenigstens würde unseren Bitten um mehr Geld für Sicherheit und Reparaturen nun hoffentlich mehr Gehör geschenkt werden. Sie sah mich mit ihrem wunderbaren Lächeln an.
"Jetzt wird alles besser. Meinst Du nicht auch?"
Ich sah sie überrascht an.
"Und wenn nicht, dann wird nächste Woche eben ein verirrtes Kind vom Turm fallen", sagte sie, immer noch wunderbar lächelnd.