In der Hütte brennt nur mattes Licht. Der kühle Abend hat sich über die flache
Landschaft geneigt und das blauweiße Licht des Tages wurde vom Dunkelrot der
Nacht verdrängt. Die Nächte sind hier niemals ganz dunkel. Einer der vielenMonde
steht stets am Himmel und spendet matten Glanz. Um den alten Merak hat sich die
Hausgemeinschaft versammelt. Er ist der älteste in der Siedlung und gilt als das
höchst angesehene Mitglied des Rates. Zwar sagt man, er habe vor Zeiten großes
Wissen erlangt und seine Bildung stehe außer Frage, dennoch sind Abende wie dieser
ebenso selten wie unerfreulich.
Wer die Gesichter der Anwesenden zu deuten weiß, erkennt die Sorge und Angst,
die aus ihnen spricht. Der junge Phecda erhebt nach langem Schweigen als erster
dasWort: "Lasst uns beten zu Dubhe, damit uns zurückgegeben werde, was uns genommen
wurde! In Demut senken wir unser Haupt vor seiner strahlenden Kraft und
erbitten seinen Schutz in dieser schweren Stunde. Freunde, Genossen, nur wenn wir
uns seinem Schutze anvertrauen, kann uns geholfen werden. Wir alle, die wir hier
in Eintracht schon so viele Generationen leben, haben stets auf seinen Schutz gebaut.
Nun muss es so sein: Wenn Ihr nicht mit reinemHerzen zugrunde gehen wollt,
so sehet dies als unsere einzige Hoffnung."
"Schweig, du Narr!", unterbricht ihn der Alte. "Schweig, da Du von Dingen redest,
für die dir die Einsicht fehlt. Ob hier jemand reinen Herzens ist kannst du nicht entscheiden,
denn die Zeit, auf die ihr alle zurückschaut ist ein so kurzerMoment, dass
von ihrem Schein eure Augen zu geblendet sind, um weiter zurückblicken zu können.
Ihr habt wohl vergessen, was in den alten Mythen geschrieben stand, noch bevor
sie neu niedergeschrieben wurden; vielleicht habt ihr es auch nie erfahren. Was
jene wussten, die sie von Generation zu Generation weitergaben und ob das, was
sich nun ereignet, einen Sinn ergibt, den in Frage zu stellen uns nicht zusteht, diese
Frage müssen wir uns nun stellen."
Darauf ruft Phecda vor allen Versammelten: "Genosse Merak, der Du schon so
lange im Lichte Alkaids lebst: Da Du meine Aufrufe zum Gebet verachtest, so lass
uns teilhaben an Deinem Wissen, damit wir erkennen, womit wir das Leid verursacht
haben, das uns heimsucht. Berichte uns und schweig nicht länger."
"Nun, Phecda. Wenn uns noch so viel Zeit bleibt, werde ich erzählen, was es zu
sagen gibt. Denn auch ich habe erst zu spät den Fluch erkannt, dem wir nicht entkommen
können. Auch ich war blind vom Schein des Glücks hier auf Eden. Ich
werde Euch erklären wie es vor langer Zeit begonnen hat. Auch wenn viele Details
für immer im Nebel des Universums verborgen bleiben werden, so werdet ihr doch
erkennen, dass Ideen - liegen sie auch noch so lange zurück - sich nicht vernichten
lassen, auch wenn man ihnen entflieht, und weiterwirken, obwohl ihre Schöpfer
glauben, sie längst überwunden zu haben."
"Die Geschichte, die ich euch erzähle, gilt als Mythos, der seit Jahrhunderten existiert.
Seine Ursprünge reichenweiter zurück, als ihr in eurer Jugend gelehrt worden
seid. Unser Volk hat gelernt, das Kollektiv zu verstehen und zu lieben. Wir haben
eine stabile Gesellschaft geschaffen, die so lange bestand und weiter bestanden hätte,
so wie uns Alkaid wärmt. Doch war es nicht immer und überall so.
Bereits vor Äonen gab es eine Rasse von uns ähnlichen Wesen, die unter einer gelben
Sonne lebten. Zu dieser Zeit war Eden, unser Land, noch wüst und leer. Leblos
lag es im hellen blauen Licht und war noch nicht erwacht. Das Leben fand an dem
anderen Ort statt, weit entfernt in Zeit und Raum, unserem Ursprungsort.
In keiner Aufzeichnung findet ihr etwas darüber und kein Dokument ist erhalten
geblieben, was belegen kann, wie diese Wesen dachten und fühlten. Doch wird über
ihre Handlungen und ihr Wissen in den Sagen berichtet. Demnach lebte diese
Menschheit in Zeiten ständiger Krisen. Sie selbst waren ihr größter Feind, dem sie
sich weder unterwerfen noch ihn besiegen konnten. Es soll eine Vielfalt an Ideen
existiert haben und eine ständige Suche nach Antworten trieb die klügsten Köpfe
an, die eigenen Grenzen immer wieder auszudehnen. Der Hunger nach Wissen und
Macht war unstillbar. Auf dem Gebiet der Gesellschaftslehre und im Vergleich zu
unseren sozialen Errungenschaften waren es Primitive, jedoch machte ihre Gesellschaft
auf technischem Gebiete stetige Fortschritte. Mit großem Einsatz wurde geforscht
und vermutlich war die größte Frage, auf die man keine Antwort fand, die,
ob es denMenschen gelänge im Universum eine andere intelligente Rasse zu finden
oder ob man beweisen könne, dass die menschliche Rasse allein sei. Das Streben
nach Unsterblichkeit mag dabei ebenso eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Um den Gefahren entgehen zu können, die eine schnelle Ausrottung ihrer Spezies
möglich gemacht hätten, war ein Fernziel die Besiedlung anderer ferner Welten.
Vor der Größe des Universums musste man jedoch kapitulieren, wenn es nicht gelänge,
eine geeignete Welt zu finden, die zumindest in einem anderen Sonnensystem
aber in hinreichender Nähe läge, um sie erreichen zu können. So gelang es
diesen Menschen zu irgendeiner Zeit eine Galaxie zu entdecken, die etwa 101
Lichtjahre von ihrer Welt entfernt lag. Es handelte sich um eine Spiralgalaxie mit
etwa der Größe ihrer eigenen Milchstraße. In der Hauptebene ihrer Scheibe entdeckte
man dichte Ansammlungen von molekularem Staub. Dieser war so dicht,
dass er das Licht der dahinterliegenden Sterne absorbierte.
Das Sternenlicht drang nur schwach bis zu ihnen und ließ den ungefähr 500 Lichtjahre
breiten Mittelstreifen in einem rötlich braunen Glanz erscheinen. Dieses Rotbraun
muss sie an den Schein ihrer gelben Sonne erinnert haben, wenn diese am
Morgen oder Abend niedrig am Horizont zu sehen war.
Auch ihre eigene Milchstraße besaß in ihrer Hauptebene große Mengen an Staub
und würde aus großer Entfernung betrachtet ein ähnliches Bild abgegeben haben.
Auch ihre Milchstraße löste sich in ihrem Randbereich in Nebelfetzen auf. In der
entfernten Galaxie konnten Sternentstehungsregionen in diffusen Nebeln beobachtet
werden, denn durch die Entstehung von Sternen wird der Staub beleuchtet und
dadurch sichtbar.
Obwohl man der Galaxie den schlichten Namen NGC 4013 gab, wurde der Traum
geboren, dort die Zukunft einer anderenMenschheit zu verwirklichen.Man glaubte,
auf einem Planeten bei einem dieser Sterne einen geeigneten Ort für menschliches
Leben entdeckt zu haben. Er lag am Rande von NGC 4013 in einer Entfernung von
zirka 55 Lichtjahren auf den Koordinaten 11h 58' 32,13“ +43° 56' 53,4“.
Um diesen zu erreichen waren bei dem technischen Wissen, das diese Wesen hatten,
viele hundert Generationen erforderlich, um die Reise zu überdauern. Der Freiwilligen
und Mutigen gab es genug. Zu jenen Zeiten waren es viele, die nichts zu
verlieren hatten und daher viel wagten, der Hoffnung und großer Taten wegen. Dennoch
vergingen mehr als einhundert Jahre der Vorbereitung und Forschung, in denen
der technische Fortschritt ungebremst voranschreiten musste, so dass die
schnellsten Rechner sehr bald wieder durch noch schnellere ersetzt wurden. Forscher
arbeiteten an Quantenrechnern, die den bizarrsten physikalischen Gesetzen
folgten. Mikroelektronik in Sandkorngröße musste zu Netzwerken zusammengeschaltet
werden und neue Antriebssysteme wurden entwickelt. Schließlich baute
man auf diese Weise drei leistungsgleiche Raumschiffe, die als Flotte die lange Reise
antreten sollten.
Jede der drei großen Nationen der damaligen Menschheit wählte die Kandidaten,
aus denen die Mannschaft eines der drei Schiffe zusammengestellt werden sollte.
Diese Menschen sollten ihre Kultur und ihre Gene, also das Erbe der Menschheit,
über die Grenzen ihres Sonnensystems tragen. Ihre Nachkommen und die Kinder
ihrer Nachkommen sollten als Reisende unterwegs sein, um irgendwann die angegebenen
Koordinaten 11h 58' 32,13“ +43° 56' 53,4“ zu erreichen.
Nachdem die drei Raumschiffe gestartet waren, konnte der Kontakt zur Besatzung
noch über einige Jahre aufrecht erhalten werden, bis irgendwann die Verbindung
durch die zunehmende Entfernung immer schwächer wurde. Die Signale brauchten
am Ende mehrere Stunden, um den Heimatplaneten zu erreichen. Die Raumschiffe
konnten nicht von Anfang an mit Lichtgeschwindigkeit reisen, sondern flogen auf
einem Kurs mit konstanter Beschleunigung. Bis zur Hälfte der Strecke sollte beschleunigt
werden, um auf der zweiten Hälfte der Strecke den Schub umzukehren
und die Geschwindigkeit wieder abzubremsen. Der Kurs konnte jedoch nicht vollständig
programmiert und vorberechnet werden. Auf einer solchen Entfernung und
über einen weitgehend unvorhersehbar langen Zeitraum würden eineMenge Faktoren
eintreten, die eine dynamische Kursanpassung notwendig machten. Die Reisedauer
war daher nicht relevant. Sie mochte die Vorstellungskraft der Menschen
übersteigen und durch notwendige Kursabweichungen, Reparaturen oder die Entwicklung
neuer Technologien während des Fluges positiv wie negativ beeinflusst
werden. Wahrscheinlich würden sich die Reisenden mit jeder Generation ihrem
neuen Umfeld anpassen und sich ändern. Das Wissen um die Steuerung des Raumschiffes
und das Ziel der Mission musste von Generation zu Generation weitergegeben
werden. Forscher unter den Reisenden würden neue Möglichkeiten zu
Beobachtungen bekommen und Entwicklungen vorantreiben, die zum Startzeitpunkt
noch nicht absehbar waren.
Durch die zunehmende Beschleunigung trat auch der Einfluss der Relativitätstheorie
zutage, der schon beobachtet werden konnte, als der Kontakt zur Erde noch nicht
abgebrochen war. Das Zeiterleben der Reisenden differiert von dem der Zurückgebliebenen.
Es erscheint, dass die Reisenden langsamer altern. Wie viele Generationen
diese Reise dauern würde, war nicht absehbar. Es war klar, dass dies ein
Abschied für immer gewesen war und dass sich zu diesem Zeitpunkt die menschliche
Rasse endgültig in zwei Rassen zu spalten begonnen hatte."
Inzwischen ist Nacht über die Gesellschaft hereingebrochen, die sich in der Hütte
umMerak versammelt hat. Doch keiner schläft, denn die Angst, die allen in die Gesichter
geschrieben steht, ist durch dieWorteMeraks demWunsch gewichen, mehr
von ihm zu erfahren.
"Nun, das sindMythen, die mancher von uns in ähnlicher Form schon hörte.Wolltest
Du uns nicht eine Einsicht offenbaren, die durch altes Wissen überliefert wurde?",
unterbricht ihn Phecda.
"Ungeduld ist ein Zeichen von Jugend und Unreife. Ich werde zunächst berichten,
wie es denMenschen erging, die diese erste Reise zur Besiedlung ferner Welten und
zur Ehre derMenschheit antraten, denn dies ist entscheidend darüber, wie ihr später
von ihnen denken werdet. Leider ist bis heute vieles unbekannt, was genau sich auf
dieser Reise zugetragen hat, denn von den Menschen, die zurückgeblieben waren,
hat niemand mehr etwas von der Besatzung gehört, noch sind die drei Raumschiffe
je wieder irgendwo aufgetaucht.
An Bord gingen dieWissenschaftler weiter mit Eifer und Pflichtbewusstsein ihren
Forschungen nach. Da die Wissenschaft eine Vielzahl an Problemen zu lösen hatte,
war ein großer Teil der Besatzung wissenschaftlichen Tätigkeiten zugeteilt. Die
Kinder wurden dazu angehalten, eine sehr solide Ausbildung in allen Naturwissenschaften
zu erwerben. Techniken zur Untersuchung von Planeten im Vorbeiflug,
zur Schaffung einer Atmosphäre und Urbarmachung von Planeten, Astronomie und
Navigation, Verbesserung der Antriebstechnik, biologische und medizinische Studien;
das waren nur einige der Aufgaben, denen man sich widmete.
Ein anderer Teil der Besatzung hatte sich um die operationalen Aufgaben an Bord
zu kümmern. Es waren trainierte Astronauten, Techniker und Soldaten, die gelernt
hatten, eine hierarchische und geordnete Befehlsstruktur zu lieben.
Natürlich beschäftigte sich ein Teil der Besatzung, der sich als Führungsstab und
somit als repräsentative Elite der Menschheit und Sprecher der Abgesandten ansah,
mit der stetigen Planung und Neuordnung der an Bord bestehenden Gesellschaftsund
Sozialordnung. Die Politiker unter ihnen diskutierten Gesellschaftsmodelle für
die zukünftige neue Ordnung auf einem zu besiedelnden Planeten und entwarfen
zusammen mit den militärischen Befehlshabern Strategien zur Verteidigung gegen
Konflikte oder Sabotage von innerhalb der Raumschiffe wie gegen Bedrohungen
von außerhalb.
Die Menschheit war damals noch sehr heterogen strukturiert. Verschiedene Rassen
und Weltanschauungen waren an Bord der drei Raumschiffe vertreten, von denen
eine jede vornehmlich mit den Vertretern einer der drei auf dem
Heimatplaneten herrschenden Mächte besetzt war. Waren Ressourcen auf einem
der Schiffe knapp oder wurden neue Technologien entwickelt, so wurde häufig um
die Verteilung und um Anrechte zwischen den Schiffen gestritten. Durch irgendeinen
Anlass, vielleicht auch einen technischen Defekt, an einem der Schiffe, geriet
dieses mit einem der beiden anderen Schiffe in einen Konflikt, der sich weiter zuspitzte.
Wahrscheinlich hatten falscher Ehrgeiz und Zwietracht die Atmosphäre an
Bord bereits vergiftet, denn das dritte Schiff hielt sich aus dem Konflikt heraus statt
ihn zu schlichten, der schließlich zu offenen Kampfhandlungen und Gewaltakten
eskalierte. Die Bewaffnung beider Raumschiffe war unterschiedlich, so dass ein
Schiff durch seine Feuerkraft das andere so stark beschädigte, dass es zur Katastrophe
kam. Teilen der Besatzung des stark beschädigten und unwiederbringlich verlorenen
Schiffes gelang es, das gegnerische Schiff mit einem Sabotageakt so zu
treffen, dass letztlich beide Schiffe zerstört wurden und der größte Teil der Besatzungen
umkam."
Plötzlich erzittert der Boden der Hütte und von Ferne ist ein Rauschen zu hören.
Die Menschen, die um den alten Merak sitzen, sehen sich angstvoll an. Einen Moment
später, als der Schreck zu schwinden beginnt, fragt ein Zuhörer: "Wie konnte
die Gewalt bloß so ungehemmt ausbrechen? Was waren es doch für primitive Wilde,
wenn so etwas möglich war?"
"Diese Menschen aus heutiger Sicht zu verurteilen, ist einfach!", erwidert Merak,
"Aber so bedeutsam Euch diese Katastrophe erscheinen mag; sie ist nicht mehr als
der Anfang einer Entwicklung, die sich über die vielen hundert Generationen, in denen
die Reisenden unterwegs waren, fortführte. Die nachfolgenden Generationen
waren sehr wohl mit dem Wissen um Technik und das Ziel der Mission des nunmehr
verbleibenden letzten Raumschiffes ausgestattet. Nur war das Weltbild damals
so, dass der Mensch es als sein Anrecht ansah, sich nicht nur andere
Menschen, sondern auch Tiere und sogar ganze Planeten Untertan machen zu dürfen.
Aus diesem Selbstverständnis heraus erklärte sich auch die Gesellschaftsordnung
auf ihrem Heimatplaneten und an Bord. Während die Naturwissenschaft
fortschritt zu immer neuen Erkenntnissen, so wurden diese vielfach in Verteidigungs-
und Waffentechnik eingesetzt, wogegen die Menschen an Bord kaum Fortschritte
in spirituellen oder ethischen Dingen machten.
Die Moral blieb hinter Machtansprüchen zurück und die Reisenden sahen es als
Teil ihrer Mission an, die menschliche Art dominant im Universum zu verankern.
Denn so ist der Fluch, der schon von Anbeginn der ersten Zivilisation auf denMenschen
liegt: der Fluch des Laios, dem Vater des Ödipus, durch seiner eigenen Kinder
Hand zu sterben. Und so war und blieb der Mensch selbst sein gefährlichster
Gegner, vor dem es sich zu schützen und gegen den es vorzugehen galt. Die Entsendung
der drei Raumschiffe war ja bereits ein Versuch der Menschheit, sich dem
Schicksal der Selbstauslöschung auf dem Heimatplaneten zu entziehen.
Ähnlich alt war eine weitere Eigenschaft: die der Abgrenzung einer Gruppe von
der anderen, die im Laufe der Generationen die Reisenden prägte. Man sah sich als
Mitglied der Besatzung einer eigenen Rasse Menschen als zugehörig an, einer Art
Sternenmenschheit. Mit jeder Generation nahm dasWissen über den Heimatplaneten
ab; die Abspaltung von den Erdmenschen nahm in den Köpfen der Raumfahrenden
zu.
Leider blieben auch die Auswirkungen der Reise in anderer Hinsicht für die Sternenmenschen
nicht folgenlos. Die kosmische Strahlung - schwankend - aber weit
stärker als die Biologie des Menschen dies von Alters her gewöhnt war, führte zu
schweren Mutationen und zu einer Schwächung jeder nachfolgenden Generation.
Immer häufiger musste die nächste Generation, um den genetischen Zerfall zu verhindern,
als Klonung aus der vorigen erzeugt werden. Manche inneren Organe erwiesen
sich als besonders anfällig gegenüber der Langzeitwirkung der kosmischen
Strahlung, die nie zuvor so stark über einen so langen Zeitraum auf menschliche
Wesen eingewirkt hatte wie bei den Reisenden an Bord. So wurde bei vielen so
manches Organ durch ein künstliches ersetzt und große Fortschritte auf dem Gebiet
der Bionik - der Kombination aus organischen Bauteilen und künstlichen - erzielt.
Das alteWissen des Heimatplaneten wurde allmählich zu einer Religion. Und diese
Religion wurde für die Bionten, die Nachfahren der Reisenden, schließlich zum
Mythos. All dies sind Prozesse, die im Laufe vieler Generationen stattfanden. Die
Legende vom Ursprung der Menschen wurde neu gedeutet. Propheten und Philosophen
bildeten die Vordenker einer neuen Kultur einer sternreisenden Rasse. Legenden
und Sagen, die auf den Urphantasien der Menschheit basieren, beflügelten die
Köpfe. Die Ideologie der Sternmenschen blieb auf "Dominanz und Überlebenskampf"
ausgerichtet. Ihr könnt dies vielleicht verstehen, denn ich habe euch nun geschildert,
wie die harten Lebensbedingungen an Bord dazu geführt haben. Die
klassische Trennung der Geschlechter in männliche und weibliche Wesen, begann
sich aufzulösen. Ob wir hierbei von einem Aussterben der Männer oder mehr einer
Verschmelzung der Geschlechter sprechen dürfen, sei dahingestellt. Jedenfalls war
letztlich die Gesellschaft der Reisenden sehr homogen aufgebaut: eine Rasse von
Suchenden nach Herrschaft, von Wesen, krank an Körper und Seele. Die Zeit an
Bord währte endlos, während sie durch die Reisegeschwindigkeit des Schiffes außerhalb
nur so davonraste. Ihrer Vergangenheit weitgehend beraubt, waren sie eine
körperliche Symbiose mit ihrem Raumschiff eingegangen und wichen von ihrem
ursprünglichen Kurs immer häufiger ab, um Planeten zu untersuchen, auf denen sie
Leben vermuteten.
Vieles wurde erforscht, entwickelt und entdeckt, aber eine andere Lebensform
wurde - so darf man annehmen - auf keinem der untersuchten Planeten je gefunden.
Es erfordert wohl wirklich die Erfüllung zu vieler Faktoren, damit auf einem Planeten
Leben entsteht. Noch weniger wurde ein Planet gefunden, der so beschaffen gewesen
wäre, dass er für Menschen dauerhaft bewohnbar wäre. Die Besiedlung in
Form einer künstlichen Atmosphäre in einer Stadt unter einer Glaskuppel wäre
technisch zwar möglich gewesen. Ein solcher Planet kann aber nicht als natürlicherweise
bewohnbar bezeichnet werden. Es wurde kein geeigneter Planet zur Besiedlung
gefunden, jedenfalls nicht, solange man noch nach solchen Ausschau hielt.
Weiterhin Planeten zu untersuchen, imBestreben, dieMission der Reise zu erfüllen,
galt nach einigen Jahrhunderten als ein Anzeichen, dass man einer alten, überkommenen
Denkweise nachhing.
Mit der möglichen Gefahr vor Augen, durch kosmische Katastrophen oder fremde
Mächte vernichtet zu werden, wurden immer bessere Waffen und Techniken entwickelt.
Disziplin und Entbehrung waren an Bord normal und hielten die Gemeinschaft
zusammen und am Leben.
Liegt ein Wissen um eineKultur lange genug zurück, so dass von ihr nur nochMythen
berichten, so können nach langer Zeit Bestrebungen entstehen, mit Neugier
sich dem Vergangenen wieder zuzuwenden. So entstand, lange nachdem die Reisenden
ihre ursprüngliche Mission vernachlässigt hatten, die Bewegung der Rückbesinner
unter den Bionten. Sie erforschten die alten Schriften, denn weil niemand
diesen seit langer Zeit Beachtung geschenkt hatte, mussten sie neu übersetzt werden.
Ihre Interpretation geriet zu einer Art Religion, der sich im Laufe einiger Jahre
eine große Zahl der Bionten anschlossen. Und schließlich beschlossen die Sternreisenden,
sich ihrer ursprünglichen Mission wieder anzunehmen und nahmen den
Kurs gen 11h 58' 32,13“ +43° 56' 53,4“ wieder auf."
Unmittelbar als Merak innehält, ist draußen das zu hören, was die Gesellschaft in
der Hütte in Angst und Trauer versetzt. Wie schon seit Tagen, so treibt auch jetzt
der Wind die Hitze der Flammen über die Länder von Eden und trägt die Stimmen
derer mit sich, die in ihnen ihr Leben lassen müssen. Daraus hervor tritt diese Art
von Donner, über dessenUrsprung dieMenschen, die in der Hütte um den altenMerak
versammelt sind, sich noch nicht endgültig klar sind. Sie wissen, dass der Donner
den Tod bringt und die Vernichtung mit Explosionen und Flammen seit Tagen
ein Land nach dem anderen verheert. Die Einwohner von Eden sind gezwungen
dem machtlos zuzusehen, auchwenn es keine Gewalt der Natur ist, die dies bewirkt.
Von einem großen archaischen Raumschiff mit fremdartigen Wesen, das vor einigen
Tagen wie aus dem Nichts aufgetaucht ist und seither jedes Leben zu zerstören
begonnen hat, ist die Rede.
Einige Kinder beginnen laut zu weinen und können trotz der Bemühungen ihrer
Mütter kaum beruhigt werden. "Du hörst, Merak, dass das Ende immer näher
rückt!", ruft Phecda, "Was hältst Du uns auf, mit Deinen alten Mythen? Sollen wir
in unserer Lage auf eine Rettung durch diejenigen warten, die schon vor so langer
Zeit aufgebrochen und verschollen sind? So lange schon leben wir in Eintracht auf
Eden und waren es zufrieden, solange wir dachten, dass es im Universum keine
Feinde unserer Rasse geben würde, weil es keine andere Rasse gab, der wir jemals
begegnet wären. Willst Du uns nun, in unserer schwersten Stunde, alte Geschichten
unserer Vorfahren erzählen, die uns die Hoffnung auf Rettung offenbaren können?
Lasst uns die Götter anrufen, denn diese sind unsere einzige Hoffnung, bevor es zu
spät ist!"
Doch unbeirrt von den Worten Phecdas fährt Merak fort. Man merkt ihm an, dass
er seinen Bericht schneller voranzubringen versucht, nicht wegen Phecdas Ungeduld,
sondern weil auch Merak klar wird, dass Eile geboten ist. "So höre, was ich
sage, Phecda! Von Hoffnung habe ich nicht gesprochen. Ebenso wenig sollst Du
von falscher Hoffnung sprechen. Ich rede von dem was kommt und versuche es
Euch zu erklären, damit ihr es zumindest versteht, wenn es so weit ist. Vielleicht haben
wir unser Schicksal verdient und haben nicht das Recht, hier einzugreifen.
Als die Nachfahren der Sternenmenschen, Bionten, durch eine Art Renaissance ihrer
ursprünglichen Mission, wieder den Kurs auf den Planet am Rande von NGC
4013 aufgenommen hatten, musste ihre Reise schon so lange angedauert haben,
dass keine Generation daran glaubte, dass ausrechnet sie den Moment erleben würde,
da dieses Ziel zu erreichen wäre. Wie groß muss dann die Hoffnung derer gewesen
sein, als der Planet dann doch eines Tages so nah war, dass man beginnen
konnte, den Zielkurs genauer festzulegen und ihn durch Messungen und Beobachtungen
zu erforschen. Die Mission besagte, dass der Zielplanet die richtigen Eigenschaften
besäße, um eine Besiedlung zu ermöglichen ohne dauerhafte technische
Eingriffe. Die Mission besagte, dass der Zielplanet frei von eigenem Leben vorgefunden
werden würde. Doch die Mission irrte sich in einem Punkt.
Der Planet, den das Raumschiff als nächstes erreichen würde, musste der Zielplanet
sein - erwartet und doch nicht von allen geglaubt wie die Erlösung von so langer
Irrfahrt durch einen Messias. Doch schon bald muss den Bionten kurz nach Ortung
des Planeten klar geworden sein, dass er zwar die vorausgesagten Bedingungen zu
Besiedlung besitzt, jedoch auch bereits besiedelt ist. Überall auf dem Planeten waren
Spuren von Leben, eine wenn auch nicht dichte, so doch über den gesamten
Planten verteilt lebende Rasse hatte ihn bereits zu ihrerWohnstatt gemacht. Die Bionten
waren natürlich nicht bereit, dies zu akzeptieren und bereiteten sich darauf
vor, dem Widerstand, mit dem sie rechneten, aus ihrer Sicht angemessen zu begegnen.
Da der Planet wirklich so zu sein schien, wie es in der Verheißung stand, so sollte
die Menschheit hier ihr Armageddon erleben. Der letzte Kampf, quasi die Probe,
welche die Rasse bestehen muss, um in ihr neues Paradies, ihr Zion, zu gelangen.
Von einer "Rückeroberung des Paradieses" werden so manche gesprochen haben.
Als man sich Zion näherte, versuchte man vermutlich eine Kommunikationsverbindung
mit den Wesen, die dort lebten, aufzubauen. Dies gelang jedoch nicht, da die
Bewohner des Planeten anscheinend keinerlei Technik dafür zu besitzen schienen.
Dies musste bei den Bionten natürlich den größten Argwohn wecken. Waren sie
nicht schon seit undenkbaren Zeiten nur mit und durch ihre Technik existent? Bestanden
ihre Körper, durch die gnadenlose kosmische Strahlung und Generationen
der Mutation gezeichnet, nicht zu einem erheblichen Anteil aus technischen Komponenten?
Wie fremdartig müssen ihnen die Lebewesen auf dem ihnen durch ihre
Mission versprochenen Zion vorgekommen sein? So fremdartig, dass sie nicht bereit
waren, eine Koexistenz zu wagen. Zion musste also, das mögen die Theologen
der Bionten auf noch vielfältigere Weise begründet haben, zunächst einer Reinigung
von allem Andersartigem unterzogen werden..."
In seiner Erzählung redet Merak nun mit deprimierter Stimme. Die Temperatur in
der Hütte steigt merklich an, was wohl nur zum geringenAnteil an den Anwesenden
liegt, sondern durch den warmen Wind verursacht wird, der draußen weht und
Rauchgeruch mitführt.
Merak fährt fort: "Die Reise der Bionten als der ersten Gruppe unserer Vorfahren,
die von ihrem Ursprungsplanet aufgebrochen war, war sinnlos, aber das konnten sie
nicht erkennen. Die Idee ihrer Mission, dem Untergang der eigenen Rasse durch
eine lange Reise zu einer neuen, friedlichen Heimat, zu entfliehen, enthielt zwar einen
Hoffnungsanteil; aber diese erste Reise musste dabei so lange dauern, dass das
Geschlecht der Reisenden durch den technischen Fortschritt der Zurückgebliebenen
von einer später gestarteten Gruppe überholt werden konnte. Dass dies so war,
möchte ich euch noch berichten, jedoch geschah es nicht so, wie man erwartet hätte.
Man hörte nie mehr etwas von denen, die zuerst gestartet waren.Man dachte, wahrscheinlich
seien alle drei Raumschiffe zerstört worden und alle umgekommen oder
vom Kurs abgewichen oder trieben in der endlosen Weite des Universums.
Die Menschenrasse auf dem Ursprungsplaneten - das ist etwas, dass ihr wissen
solltet, wenn ihr Euch noch daran erinnert, was man Euch in Eurer Jugend beigebracht
hat - hat jedoch wirklich viele Generationen später wieder eine Menschengruppe
fortgeschickt. Dieser Aufbruch fand jedoch nicht statt, um der kriegerischen
Vernichtung durch die eigene Rasse zu entgehen. Dass dies noch nicht geschehen
war, war Ergebnis eines sehr langen Entwicklungsprozesses, dessen Ausgang mehr
als einmal sehr ungewiss war. Die vonMenschen verursachten Probleme waren auf
der Erde längst gelöst. Umweltkrisen waren überwunden, Kriege gab es nicht mehr.
Die Rasse hatte sich selbst befriedet, denn sie hatte noch rechtzeitig erkannt, dass in
dieser Errungenschaft der wahre Fortschritt liegt. Aggressionen können seither kontrolliert
werden. Das Geschlecht der Männer war genetisch längst überflüssig geworden
und die Art desMannes in der ursprünglichen Form, als das triebhaftere und
aggressivere Geschlecht, nicht mehr vorhanden.
Jedoch die Lebensdauer der irdischen Sonne währt nicht ewig und kosmische Katastrophen
lassen sich nicht immer vorhersehen. Der Staub und die Strahlung einer
Supernova, einer Sonnenexplosion in einem benachbarten Sonnensystem, zog die
Erde inMitleidenschaft und zwar so stark, dass die vor üblichen kosmischen Gefahren
schützende Atmosphäre hierbei nur teilweise die Folgen lindern konnte. Diese
Entwicklung geschah in einem solchen Tempo, dass die Katastrophe zwar absehbar
wurde, aber die Zeit zum Handeln drängte. Denn das kosmische Strahlungsfeld
hüllte die Erde immer mehr ein und erreichte schließlich die Sonne, auf deren lebensspendende
Kraft alles Leben angewiesen war.
Jede Sonne hat bekanntermaßen eine begrenzte Lebensdauer, doch die Entwicklung
der Sonne wurde durch das Zusammentreffen mit dem Sternenstaub der Supernova
so stark beschleunigt, dass sie sich viel schneller und früher zu einem roten
Riesen ausbrannte, der das Ende ihrer bisherigen Rolle als lebensspendende Quelle
für die Erde einläutete. Ungeheure Energiemengen wurden frei und drohten das Leben
auf der alten Erde endgültig zu vernichten. Es wurde im Laufe der darauffolgenden
Jahrhunderte klar, dass nun wirklich eine Endzeit bevorstand und die Ära
"Erde" definitiv zu Ende ging. Diese Erkenntnis setzte sich nur schwer und natürlich
nicht bei allenMenschen durch, denn Endzeitpropheten hatte es zu allen Zeiten immer
wieder gegeben.
Als wissenschaftliche Erklärung für die drohende Katastrophe der Erde war von
einer sogenannten "Supernova-Kettenreaktion" die Rede, aber vielleicht stand sie
gar nicht wirklich imWiderspruch zu den religiösen Erklärungsversuchen, die hierbei
ins Blickfeld gerieten.
Der Schöpfungsmythos in der christlichen Bibel konnte wie so oft von einigen
theologischen Strömungen auch hier wörtlich interpretiert werden. Demnach irrte
die Wissenschaft insofern, dass kosmische Zeitspannen falsch berechnet wurden.
Die lineare Zeitthese muss demnach verworfen werden und der exponentiellen weichen.
Der Schöpfungszeitpunkt der bisherigen Daseinsform der Dinge kann auf nur
4000-5000 Jahre gerechnet werden, wenn man die Lebensspannen der Menschen
mit den in der Bibel erwähnten Generationen seit Adam und Eva multipliziert.
Wenn man dann die gemessenen Abläufe der Sonnenlaufbahn und die daraus prognostizierte
Lebensdauer eines Sterns mit den nur sieben Tagen der Schöpfung korreliert,
so stünde die Entwicklung aller Sonnen, nicht nur der irdischen, unmittelbar
vor dem Endstadium eines sogenannten "roten Riesen" - einer Entwicklung, die viel
schneller verlaufen wird, als allgemein angenommen.
In dem Maße wie die Sonne sich ausdehnte, wurde das Leben auf der Erde in Mitleidenschaft
gezogen. Klimaschwankungen nie gekannten Ausmaßes, Fluten und
Stürme suchten den Planeten heim und unzählige Lebewesen fanden den Tod. Die
Temperaturen stiegen zuerst, dann fielen sie rapide im Laufe weniger Monate.
Das Ende der Erde war dunkel und kalt, so wie der Anfang hell und heiß war.
Glaubt mir, Genossen, die uns zugestandene Zeit war kürzer als wir dachten und wir
hätten sie besser nutzen sollen. Was kann unsere Rasse bis heute vorweisen?"
"DieMenschheit auf der immer unwirtlicher werdenden, sterbenden Erde, hätte ihr
Gleichgewicht gefunden, wenn dies nicht eingetreten wäre. Weltraumreisen und
militärische Technologien wurden nicht mehr entwickelt, denn wie ihr wisst, Genossen,
sind diese, solange eine Gesellschaft hierin immer neue Kräfte investiert,
stets Anlass für Instabilitäten des Sozial- und Ökosystems und letztlich ein Risiko,
dass nicht nur Ungerechtigkeiten und Missgunst hervorbringt, sondern vor allem
dadurch auch das nachhaltige Überleben der Rasse zu einem Risiko werden lässt.
Aber die Menschheit wusste sich vermeintlich zu retten. Ihr könnt Euch dies denken,
denn sonst wären wir alle nicht hier beisammen auf unserer Heimat Eden, die
uns für eine lange und gute Zeit schon Heimstatt bietet.
Die Menschheit verfügte zur Zeit der roten Sonne, die auf der Erde das Ende in
greifbare Nähe rücken ließ, noch immer über das Wissen über all die technischen
Errungenschaften, die bis zuletzt entdeckt worden waren, auch wenn diese vom Alltag
verbannt waren.
Materietransformation war theoretisch erklärbar und daher gelang es, eineMaschine
zu konstruieren, mit der zirka viertausend Personen, sowie die nötigen Pflanzen,
Tiere und Informationen nach Eden transportiert werden konnten. Das erforderte
zwar bekanntermaßen eine Unmenge der auf der Erde vorhandenen Energie, die
man zuvor nie aufzubringen geglaubt hatte. Aber es wurde getan, weil es nichts zu
verlieren gab. Die Menschheit evakuierte einen Teil ihrer selbst um nicht zugrunde
zu gehen. Durch die rote Sonne war so viel Energie vorhanden, wie zu keiner anderen
Zeit zuvor. So gab es ein späteres, zweites Lebewohl dieser viertausend Menschen
von der Erde von der Mehrzahl der Zurückgebliebenen. Der Transwarp-
Sprung nach Eden durch ein mit hohen Energien temporär geschaffenes Wurmloch,
das eine Reise durch die n-te Dimension ermöglichte, gelang und quasi zur gleichen
Zeit war das Ziel Eden erreicht.
Während der erste, lange zurückliegende und von fast allen vergessene Versuch
der Menschheit, unter einem anderen Stern eine neue Heimat zu errichten, nach
endloser Reise für die Erdenmenschen ins Unbekannte verlaufen war, war es dieses
Mal eine umso raschere Reise.Wie viel Zeit diese zweite Reise benötigt hatte? Diese
Frage zu stellen ist sinnlos, da Zeit immer abhängig ist von dem, der sie misst und
der Übergang durch das Wurmloch in diesem Sinne keine messbare Zeit benötigt
hat.
Eine Rückkehr oder auch nur eine Verbindung zur Erde war unmöglich. Es wurde
eine neue Kultur gegründet, unsere, die wir hier verkörpern und durch die wir uns
als die Erben der irdischen Menschheit bezeichnen.
Man musste mit vielem von vorn beginnen, da die Welt, auf der man ankam, unbelebt
war. Aber mit in Jahrhunderten stabiler friedlicher Eintracht geschaffenen,
hervorragenden sozialen Errungenschaften, nach denen jeder einzelne Bürger der
Viertausendschaft auch gründlich ausgesucht und getestet worden war, wurde eine
neue Heimat geschaffen, der man den Namen 'Eden' gab, dem Planeten, der um unsere
Sonne 'Alkaid' kreist."
Merak schaut die Anwesenden mit weit aufgerissen Augen an und erhebt seine
Stimme: "Doch der alte Fluch der Menschheit, den sie längst glaubte überwunden
zu haben, den die meisten schon vergessen hatten, er erfüllt sich nun! Dass es auf
unserer alten Heimat, der Erde, noch Leben gibt, muss inzwischen als ausgeschlossen
angesehen werden. Wir werden es jedenfalls nicht mehr erfahren. Niemals ist
ein zweiter Transport von der Erde bei uns in Eden angekommen.
Doch jetzt steht eine Ankunft bevor, eine Ankunft einer Rasse, die sich vielleicht
wie wir im Recht auf die Nachkommenschaft jener Ur-Menschheit sieht. Homide
wie wir, lediglich durch ihre langen Anpassungen an ein lebensfeindliches Umfeld
zu halben Maschinen mutierten Weltraumwesen nicht gleich als solche zu erkennen.
Sie tragen die alten Gedanken des Anspruchs auf Dominanz in sich. Sie haben
die alten Aggressionen nicht überwinden können. In gewisser Weise sind es Spartaner.
Man schickte Soldaten, Patrioten, Verzweifelte auf den Weg mit der ersten
Reise. Und soviel kosmische Strahlung ihnen auch zugesetzt und ihre Kinder und
Kindeskinder geformt hat: Soldaten - das sind sie, als die sie nun bei uns ankommen!
Wir, die Nachkommen der zweiten Reise, sind weiterentwickelte soziale Wesen.
Unfähig zu Aggression und Destruktion. Nie hatten wir selbst Erfahrungen gesammelt
mit der Niedertracht. Wir leben in Meditation und Frieden. Wir suchen in uns
selbst nach neuen Welten und fanden dort unser Glück.Wir definieren uns im Einklang
mit den anderen Kreaturen, die mit uns und durch uns unser Schicksal auf
Eden teilen. Erkennt nun: der Mensch ist ein ewig einsames Wesen auf der Suche
nach seinem Woher und Wohin. Er kann mit der Größe des Universums nicht fertig
werden. Stets steht er ihr mit einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber. Er versucht
alles, um damit fertig zu werden. Doch am Ende muss er immer wieder seine
Nichtigkeit und Einsamkeit erkennen. Es ist für ihn, als sei das Universum der einsamste
Ort, der vorstellbar ist. Nur erschaffen als Exil für ihn. Und er versucht diesem
'All' zu entfliehen, in der Hoffnung auf ein stetiges Nochmehr oder Anderswo.
Der Mensch muss einsam bleiben, obgleich er es in Wahrheit nicht ist: Er erkennt
bloß nichts anderes als sich selbst und daher fühlt er sich einsam. Diese Einsamkeit
hat ihn schon vor langer Zeit gefährlich gemacht. Dies zu kurieren war die größte
Errungenschaft in unserer Evolution, sie hat aber auch bewirkt, dass wir uns nicht
mehr alsMenschen bezeichnen können. Wir sind dadurch wirklich zu neuen Wesen
geworden.
Nun erkennt der Bruder nicht mehr den Bruder. Er kann nicht mit ihm reden und
daher kann keiner dem anderen einen Platz nebeneinander freimachen. Unser Eden
zerstören sie um es zu erobern. Sie wollen keine Vermischung mit uns, die wir für
sie nur 'Eingeborene' sind. Auch das mag sich schon zu Urzeiten in unserer Geschichte
in ähnlicher Form zugetragen haben. Sie wollen den Planeten sterilisieren.
Nicht nur von uns, sondern von allem Leben. Mit ihrer eigenen Art wollen sie hier
neu beginnen. Vielleicht zerstören sie nicht zum erstenMal eine Zivilisation.Wahrscheinlich
werden sie nicht einmal bleiben und die Früchte ihrer Eroberung ernten
können.
Auf der Suche nach ihrem Ziel, das sie nicht erkennen werden, auch wenn es vor
ihnen liegt, werden viele wohl irgendwann wieder weiterziehen. Sie suchen ruhelos
nach ihrem Schöpfer und geben dabei vor, sie suchten nach anderem Leben. Aber
sie suchen in Wahrheit nur nach ihrer Selbstbestätigung, dass sie ihrem Schöpfer –
noch immer - ähnlich sind undwertschätzen dabei nicht, welch eine Vielfalt im Universum
existiert. Denn sie wollen nicht erkennen, dass es ihr ursprüngliches Ziel für
sie nicht mehr gibt. Stattdessen werden an ihrer StelleMaschinen und Bionten herrschen
und so entthront sich unsere Spezies schließlich selbst.
Der böse Virus, die Gier, ist von der Menschheit auf das Universum wie eine
Krankheit losgelassen worden; und jetzt ist es einWiedersehen ohne Erkennen, wie
sich unser Fluch an uns erfüllt. Wisst ihr, Kinder, heute morgen hörte ich vom Fall
der Städte auf der anderen Halbkugel. Die südliche Hemisphäre brannte und sie
werden mit dem Licht des neuen Tages auch bei uns sein. Es ist Zeit für uns, wir
müssen ruhen. Denn wisst ihr, dass man unsere Sonne Alkaid, auch "Klageweib"
nannte? Um nun zum Glauben an die Götter zurückzukehren, Phecda, mit dem Du
uns zu Anfang Hoffnung geben wolltest: Wir glauben, dass die Aufgabe der Götter
darin besteht, um uns klagen, ab Morgen für alle Tage."
Die ersten Blitze sehen sie flackern am wolkenlosen Horizont, als orange die Sonne
von Alkaid den Morgen erhellt.
Hennef, Oktober 2005